Rückblende (2): November

Liebes Tagebuch,

ein anstrengender, beinahe irrwitziger Monat liegt hinter mir.

Anlässlich des Weltvegantags organisierte ich einen Flashmob, der zumindest bei einem Großteil der beteiligten Tierrechtler auf Begeisterung stieß. Den Vorwurf der Radikalität musste sich jedoch auch diese Veranstaltung gefallen lassen, ich regte mich auf. Ferner wurden mir Fragen für ein Buch über veganes Leben gestellt, deren Beantwortung sich sehr viel wortreicher gestaltete als erwartet.

Ich verbrachte ein Wochenende in meiner Heimatstadt, besichtigte das Haus vom neuen Papa und das Beet, das ich nächstes Jahr bewirtschaften darf, begrüßte die Katze, trank Kaffee und Prosecco und kam mir ganz vertraut vor. Später erzählte Omi wie die böse Schwiegermutter Sahnetorte in der Tischschublade versteckt gehalten hatte, während sie die Äpfel vom Baum holen musste. Und weil ich gerade in der Gegend war, suchte ich die großelterliche Datsche auf. Eine furchtbar dumme Idee, denn meine Kindheitserinnerungen fühlten sich angesichts all der Zerstörung und unwiederbringlichen Zeit gar nicht wohl.

Ich versackte auffällig oft mit Kollegen und Ex-Kollegen in Küchen und Kneipen, wohl um der heimischen Dauerberieselung zu entgehen, die zeitgleich mit einer wohnungssuchenden Freundin eingezogen war. Es sei vermerkt, dass sich das Zusammenleben einer maulfaulen Eigenbrötlerin und einer im Zwischenmenschlichen äußerst aktiven Quasselstrippe nachteilig auf strapazierte Nerven auswirkt und nur bedingt empfehlenswert ist. Für Alltagsflucht und Stresskompensationsrituale ergab sich ebenso selten die Gelegenheit wie für die Pflege der Lebenskrise, allerdings lernte ich Einkochen am Beispiel einer veganen Soljanka und wurde generell ganz vorzüglich verköstigt.

Desweiteren luden die besonnene Frau mit den schönsten Augenbrauen der Welt und der gewitzte Listenschreiber zur Hochzeit: Ihre Ehegelübde brachten mich zum Weinen, ihr Vermählungstanz zum Strahlen. Die Weihnachtsmarktsaison eröffnete ich dieses Jahr noch vor der Weihnachtsmarktsaison, ganz traditionell mit einem alten Freund bei Glühwein, allerdings ohne Riesenrad. Ich besuchte zwei Konzerte und den Briefkasten des besten Freundes, dessen verlängerter Auslandsaufenthalt mir allmählich aufs Gemüt zu schlagen begann. Außerdem erwarb ich zwei neue Brillen, nachdem sich mein Gesäß der alten Sehhilfe allzu arg aufgedrängt hatte und ein stümperhafter Reparaturversuch gescheitert war.

Hochzeitsschuhe

Über die unfreizeitliche Situation im Büro sei nur so viel gesagt: alle bekloppt.

(1) Kommentar

  1. Danke für diese Rückblenden mit so schönen Fotos. Hiermit ist unsere Trauer über das Ende der „Kleinen Dinge“ Vergangenheit. Die Tränen der Publizistin sind getrocknet und ihr Perfektionismus hat sich wieder einmal gelohnt :-)

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